Was
sind Götter überhaupt?
Wer sich mit heidnischen Göttern beschäftigt, muß sich von Vorstellungen
über Göttlichkeit, wie sie das Christentum lehrt, gründlich befreien.
Ein Gott im Heidentum ist kein abstraktes, jenseitiges, ewiges, allmächtiges
Wesen, das über der Welt schwebt und sie von außen regiert, kein
"reiner Geist" und keine moralische Instanz, die ausschließlich
das sogenannte Gute verkörpert, kurz: kein Gegenkonzept zur Natur, wie
es viele Lehren aufstellen, sondern das Göttliche in der Natur, nicht "ganz
anders", sondern eins mit der Welt. Eine heidnische Gottheit ist ein konkreter
Aspekt des Geistes, der die Wirklichkeit dieser Welt durchwebt, mit ihr lebt
und stirbt, in ihr wirkt und sich entfaltet: kein abstrakter, ewiger Geist,
sondern ein lebendiger.
Die Germanen, berichtet Tacitus, "benennen mit den Namen der Götter jenes Geheimnis (secretum illud), das sie in einziger Ehrfurcht schauen". Denn "Gott", gotisch goth (goþ), ist ursprünglich ein sächliches Mehrzahlwort und bedeutet eben jenes Geheimnis, das wir in den Göttern verehren.
Das Göttliche und die einzelnen Götter
Goth nannten unsere Vorfahren nur das Göttliche als Ganzheit. Die einzelnen
Gottheiten, in denen es sich manifestiert, wurden teiwar oder ansis genannt.
Teiwar (Einzahl teiwaz) ist dasselbe Wort wie das lateinische di und bedeutet
"Lichtwesen". Ansis (Einz. ansuz) hängt vielleicht mit indisch
asu (Lebenskraft) zusammen, sicher aber mit germanisch ans (Pfahl), denn die
Götter wurden vor einfachen Holzpfählen mit angedeuteten Gesichtszügen
verehrt. Diese Pfähle waren keine Götterbilder, sondern deuteten nur
an, daß eine Gottheit anwesend ist. Aus ansis ist der nordische Name Æsir
(Asen) entstanden. Er kann daher nicht nur für die Götter dieses Stamms,
sondern für "Götter" im allgemeinen verwendet werden, auch
wenn wir Asen und Vanen meinen.
Die Ganzheit der Götter
Wenn man sich zu sehr auf einen einzelnen Gott konzentriert, vergißt man
leicht, daß er nicht das ganze Göttliche ist. Deshalb verehren wir
immer alle Götter gemeinsam, wie es im dänischen Mythos Odin angeordnet
hat. Ihre Ganzheit, in der sie wirken, wird mythisch durch das Götterthing
dargestellt, in dem sie ihr Handeln demokratisch beraten. Daher heißen
sie in der Edda regin, altdeutsch regan, die Beratenden.
Die beiden Pole der Gotteserfahrung
In den Mythen begegnen wir den konkreten Einzelgestalten der Götter, in
den Riten steht ihre Ganzheit, jenes Geheimnis (goth), im Mittelpunkt. So bewegt
sich die heidnische Gotteserfahrung immer zwischen diesen beiden Polen: Goth
und Ansis, unbenanntes Geheimnis und konkrete Gestalt. Beide Erfahrungsweisen
sind wichtig, gehören zusammen und ergänzen einander. Beide sind wahr,
aber keine ist die ganze Wahrheit. Nur in der Zusammenschau kommen wir ihr nahe.
Mit Göttern kommunizieren
Vielen Menschen fällt es leichter, das Göttliche als Geheimnis zu
verehren, das man sich nicht konkret vorstellen kann. Es genügt ihnen zu
wissen, daß es existiert. Bei Göttern wollen sie genau wissen, was
sie sind: selbständig existierende Geistwesen? Persönlichkeiten ?
Gesichter, die er uns zeigt? Auch im Heidentum gibt es viele verschiedene Ansichten
darüber, die für den Verstand nützlich, aber nur Vorstellungen
und nicht die Wahrheit selbst sind. Das ist aber auch gar nicht so wichtig.
Religion, Spiritualität oder Magie ist nicht Philosophie über das
Göttliche, sondern Kommunikation mit ihm, und dazu ist es nicht nötig
zu wissen, was es ist, mit dem du redest. Du mußt nicht einmal an Götter
glauben. Selbst wenn du sie nur für Symbole des Geheimnisses hältst,
kannst du von ihnen viel erfahren und über sie sprechen.
Götter in Mythos und Kult
Viele Gottheiten kommen in den Mythen vor, wurden aber nie kultisch verehrt.
Man tut daher gut daran, sich nur mythisch mit ihnen auseinanderzusetzen, also
in Dichtung und Erzählung, und nicht auch irgendwelche Riten für sie
zu ersinnen oder viel über ihr Wesen zu grübeln. Was immer sie sind,
sie gehen uns offensichtlich nur als mythische Gestalten etwas an. Das ist die
Art, in der sie unser Bewußtsein erreichen und erweitern können.
Es ist sinnvoll, sich mit möglichst vielen Gottheiten auseinanderzusetzen,
wie der Runenmagier Jan Fries sagt: "Je mehr Götter du in dein Leben
integrierst, desto umfassender wird die Welt, die du erlebst."