Snorri Sturluson
Erzähler der Götter- und Heldensagen
Snorri Sturluson wurde im Jahre 1179 (oder 1178) in Westisland geboren, in
eine der mächtigsten Familien des Landes, die Sturlungar. Der isländische
Bauernstaat basierte auf der fragilen Machtbalance von sechs führenden
Familiensippen. Als die Sturlungsar in immer größerem Maße
Macht und Einfluß an sich reißen konnten, geriet dieses Gleichgewicht
aus den Fugen, und ein Zeitalter der Bürgerkriege entflammte. Die nicht
enden wollenden Fehden machten es dem norwegischen König Haken ein leichtes
Spiel, und im Jahre 1262 wurde Island der norwegischen Krone einverleibt.
In jungen Jahren wurde Snorri nach Oddi geschickt, einem Bildungszentrum in
Südisland und Sitz der Familiensippe der Oddverjar. Mitglieder dieser
Familie hatten schon seit Generationen ihre Bildung auf dem europäischen
Festland genossen. Seamundur frodi (der Weise) hatte im 11. Jh. in Oddi die
erste Schule gegründet. Auch wenn Seamundur die Lieder-Edda wohl nur
fälschlicherweise zugeschrieben wurden, war er doch unbestritten einer
der größten Gelehrten seiner Zeit. Die weltoffene Atmosphäre
dieses nationalen Bildungszentrums hat ohne Zweifel großen Einfluß
auf den jungen Snorri gehabt.
In Snorri vereinigten sich zwei deutlich ausgeprägte Charakterzüge:
Streben nach Macht und Reichtum, aber auch Wissensdurst und ein engagiertes
Interesse für die Dichtkunst. Sein ganzes Leben ist durch das Bestreben
gekennzeichnet, Macht und Einfluß zu steigern; er ist einer der führenden
Persönlichkeiten des Landes; zweimal bekleidet er das Amt des Gesetzessprechers,
und dennoch findet er immer wieder Zeit, sich Literatur und Bildung zu widmen.
Der polirische Ehrgeiz führt schließlich zu seinem Sturz. Snorri
war im Machtkampf am norwegischen Hofe auf der Seite von Jarl Skùli
Bàrdarson im-oltiert. Als König Hakon die Übermacht gewonnen
hatte, ließ er zunächst seinen Schwiegervater Skùli töten
und rächte sich schließlich auch an Snorri, den er auf seinem Hof
Reykholt im Borgarfjödur 1241 heimtückisch umbringen ließ.
Man könnte es als eine Ironie des Schicksals bezeichnen, daß ein
norwegischer König am Tode des Mannes Verantwortung trug, ohne den die
Geschichte der norwegischen Monarchie in Vergessenheit geraten wäre.
Zu Snorris Werken gehören die Heimskringla, die Geschichte der norwegischen
Könige von ca. 400-1200 n. Chr., die Prosa-Edda (oder Snorra-Edda) sowie
nach Auffassung vieler Wissenschaftler die Egilssaga, eine der bekanntesten
isländischen Sagas. Innerhalb der Geschichte des norwegischen Königshofes
ist insbesondere die Geschichte von König Olaf dem Heiligen (Olaf Saga
helga) hervorzuheben, die wie keine andere Snorris brillante Erzählkunst
bezeugt. Snorri Sturluson unterscheidet sich in seiner realistischen und objektiven
Behandlung des Quellenmaterials von anderen zeitgenössischen Historikern;
er vermeidet bewußt jegliche Übertreibung und Interpretation.
Die Edda von Snorri Sturluson ist die bedeutendste Quelle der nordischen Mythologie
und heidnischer Bräuche. Sein Name wird schon in der ältesten Edda-Hand-
dem Codex Upsaliensis erwähnt, die kurz nach 1300, nur gut 50 Jahre nach
seinem Tod, niedergeschrieben worden war. Das Werk ist in vier Kapitel unterteilt:
Prologus, Snorris Vorwort; Gylfaginning, Gylfis Verblendung; Skäldskaparmäl,
die Sprache der Dichtkunst, und Hättatal, eine Sammlung altnordischer
Versformen, die Snorri für den norwegischen König Hakon dichtete.
Aufbau und Stil entsprechen dem Zeitgeist jener Epoche. Getreu der zeitgenössischen
Vorstellung von der göttlichen Abstammung der Könige entwirft er
einen Stammbaum des schwedischen Königshauses, das seinen Ursprung bei
den Asen hat. Deutlicher als jeder andere Zeitgenosse zeichnet er ein Weltbild
der heidnischen Ahnen. Snorris Begabung, lebendig zu erzählen, wissenschaftlich
zu informieren und gleichzeitig unterhaltsam zu schreiben, kommt in der oft
heiteren Beschreibung der nordischen Götterwelt besonders zur Geltung.
Die Götter sind menschlich und nicht frei von Fehlern; trotzdem verlieren
sie in Snorris Beschreibung niemals ihre Würde. Snorri schrieb seine
Edda als ein Handbuch für angehende Skalden. In Skàldskapar mal
erläutert er die Skaldenkunst, die Verwendung mythischer Umschreibungen
(kenningar) sowie Metaphorik. Hättatal ist eine Sammlung von 102 skaldischen
Preisliedern, die Snorri für den norwegischen König Hakon gedichtet
und kommentiert hat. Im Dichter Snorri Sturluson vereinigen sich der Gelehrte,
der in der europäischen Bildung und den Traditionen seiner Zeit bewandert
ist, und der Volksdichter, der ein Gespür dafür hat, wie man unterhaltsame
Geschichten schreibt. Seine Beschreibung der Götter ist für den
Leser ein reines Vergnügen. Seine Werke basieren auf altnordischen Literaturtraditionen
und stellen eine einzigartige Mischung aus Historie und Fiktion dar. Auch
wenn Snorri seine Werke in Island verfaßt hat, ist sein Blickwinkel
immer international. Das Thema seiner Werke ist die gemeinsame geistige und
kulturelle Tradition Skandinaviens und damit ein wichtiger Beitrag zum europäischen
Kulturerbe. Die Snorra-Edda erschließt uns in einzigartiger Weise Weltbild
und Leben der Wikinger.
Pàll Valsson
Universität Uppsala Schweden