Die Christianisierung
Die Einführung des Christentums bei den Germanen gewinnt in der Erörterung
der Gegenwart eine immer noch steigende Bedeutung. Eine Zeit, deren Lebensgefühl
weitgehend durch die Übernahme fremden Zivilisationsgutes bestimmt wird,
muß sich notgedrungen mit einer Erscheinung auseinandersetzen, die,
aus der Fremde kommend, eine starke Umwälzung auf wichtigen Lebensgebieten
hervorgerufen und den Willen zur Erhaltung der Eigenart geschwächt hat.
Ursachen, Verlauf und Wirkung der Christianisierung werden denn auch von sehr
verschiedenen Standpunkten aus beurteilt und sehr verschieden dargestellt,
wobei sich in manchen Fällen eine gewisse Schematisierung, in anderen
Fällen wieder Verallgemeinerungen feststellen lassen, die von wirklichen
oder vermeintlichen Einzelerscheinungen bei verschiedenen germanischen Völkern
Schlüsse auf den gesamten Vorgang der Christianisierung zu ziehen trachten
.
Ein solches Verfahren ist um so bedenklicher, als wir es nicht nur mit einem
räumlich sehr weit ausgedehnten Geschehen zu tun haben, sondern auch
mit einer viele Jahrhunderte währenden Dauer und darüber hinaus
mit sehr verschiedenen inneren Voraussetzungen. Zur Zeit der Annahme des Christentums
leben manche germanische Völkerstämme wie die Sachsen und Friesen,
die Dänen, Norweger und Schweden in seit langer Zeit von ihnen besiedelten
Wohnsitzen und haben ihre angestammten Lebensformen in mehr oder minder hohem
Maße beibehalten, während andere, wie vor allem die Ostgermanen,
aber auch die Franken, in immer erneuten Wanderungen ihre alte Heimat weit
hinter sich gelassen haben, und viele von ihnen haben den ursprünglich
strenge eingehaltenen Grundsatz der volksmäßigen Geschlossenheit
und der damit verbundenen Abwehr fremder Mischungen aufgegeben oder waren
doch im Begriffe, das zu tun.
Die Einführung des Christentums beginnt im 3. und 4. Jahrhundert bei
den gotischen Stämmen an der Donau und auf der Krim, ohne daß wir
in der Lage wären, diese Vorgänge von ihrer ersten Wurzel an genau
zu verfolgen. Das ist um so bedauerlicher, als nach unverdächtigen Zeugnissen
die ersten Träger der Mission zum Teil Kleriker waren, die aus Kleinasien
stammten und als Kriegsgefangene ihre Heimat hatten verlassen müssen.
Eine solche Wirkungsmöglichkeit fremdstämmiger Unfreier ist mit
den Grundsätzen des germanischen Staats- und Gesellschaftslebens unvereinbar.
Eine schwere Erschütterung dieser Grundsätze ist auch daraus zu
erschließen, daß Wulfila, der als geistiger Führer die Hinwendung
zum Arianismus bewirkte und als Bibelübersetzer hervorragende Bedeutung
hatte, mindestens von einem Elternteile her, wenn nicht überhaupt, ebenfalls
kleinasiatischer Herkunft war; die Abstammung seiner Vorfahren aus Sadagolthina
bei Parnassos zeigt auf jeden Fall, daß der Aufstieg eines Mannes von
zum mindesten nicht rein gotischer, vielleicht aber überhaupt fremder
Herkunft zu hoher Bedeutung durchaus möglich war.
Abgesehen von den aus diesen Verhältnissen zu erschließenden Erschütterungen
der angestammten Lebensordnung, die nicht ohne Wirkung auf die weltanschauliche
Haltung geblieben sein können, sehen wir überdies, daß die
Bekehrung auch ihre politische Seite hatte. In die Streitigkeiten zwischen
Athanarich und Fritigern mischte sich der Arianer Valens, und seine Hilfe
führte zum Siege des Fritigern. "Dieses Ereignis ward der Anlaß,
daß viele von den Barbaren Christen wurden, denn Fritigern nahm zum
Dank für die ihm gewährte Hilfe den Glauben des Kaisers an und veranlaßte
seine Leute dasselbe zu tun", sagt Sokrates, und fügt hinzu, daß
Athanarich sich scharf gegen die auch auf seinen Bereich ausgedehnte Mission
wendete, deren politische Hintergründe unverkennbar sind: auf der einen
Seite die Anlehnung an Ostrom, verbunden mit der Annahme des Christentums,
die von der Führung, nicht vom Volke ausging, auf der anderen Seite die
Ablehnung dieser Politik, die sich folgerecht auch gegen die Einführung
des Christentums wendete "in der Überzeugung, daß der Glaube
der Väter verfälscht würde", wie Sokrates ausdrücklich
bekundet.
Athanarichs Kampf gegen das Christentum hatte keinen dauernden Erfolg, und
nicht nur die Westgoten nahmen das Christentum an, sondern von ihnen ging
auch der Anstoß zum Glaubenswechsel vieler anderer Völker aus,
die alle, ihrem Beispiele folgend, das Christentum nicht in der orthodoxen,
sondern in der arianischen Form annahmen. Ostgoten, Wandalen, Gepiden, Rugier
und Heruler wurden Arianer, und bald wurde der Kreis der ostgermanischen Völker
überschritten. Während die Übernahme des Arianismus durch die
Langobarden vielleicht durch die Rugier vermittelt wurde und auf jeden Fall
im Einvernehmen mit dem Königsgeschlechte vor sich ging, das mit christlichen
Herrschern verschwägert war, ging die Bekehrung der spanischen Sueven
von den Westgoten aus und begann auch hier mit dem Übertritte des Herrscherhauses.
Im Jahre 465 tritt das mit dem westgotischen arianischen Königshause
verschwägerte suevische Fürstenhaus, das vorher orthodox gewesen
war, zum Arianismus über, und diesem Übertritte folgt der des Volkes,
wobei der Galater Ajax, der vorher bei den Westgoten Galliens tätig gewesen
war, unter tatkräftiger Unterstützung durch den König die Bekehrung
durchführte.
Die Übernahme des arianischen Christentums beginnt also, soweit wir sie
verfolgen können, bei den Fürstenhäusern, nicht aber bei den
breiten Schichten des Volkes. Die politische Bedeutung dieser Tatsache wird
noch durch den religiösen Gegensatz erhöht, der sich dadurch zur
unterworfenen römischen Bevölkerung ergab und die bestehenden Gegensätze
wesentlich erhöhte, bekämpften doch die beiden Formen des Christentums
einander auf das schärfste. Die Regierung des großen Theoderich
in Italien wird durch diesen Kampf ganz wesentlich beeinflußt, und so
ist es verständlich, daß Theoderich sich bemühte, den Frankenkönig
Chlodwig ebenfalls zur Annahme des Arianismus zu bewegen. Chlodwig aber hatte
andere Pläne, und sein Entschluß zur Annahme des orthodoxen Christentums
stand aus mehreren Gründen fest. Seine Politik diente nicht der Aufrechterhaltung
der Schranken zwischen Germanen und Romanen, sondern deren Beseitigung, und
überdies hatte er entscheidende Auseinandersetzungen mit seinen Nachbarn,
vor allem mit den arianischen Westgoten vor, bei denen ihm der Gegensatz zwischen
Katholiken und Arianern wichtige Hilfe leisten konnte. Er hatte die Katholikin
Chrodechild, eine Nichte des Burgunderkönigs Gundobad, geheiratet, ließ
zu, daß seine Söhne getauft wurden, und bemühte sich um die
Gunst des Klerus. Der siegreiche Ausgang des Kampfes gegen die Alemannen gab
den Anlaß, auch persönlich das katholische Christentum anzunehmen,
und darin folgten ihm zahlreiche Franken aus edlem Geschlechte.
Chlodwigs Haltung läßt deutlich erkennen, daß er sich ausschließlich
von politischen Rücksichten leiten ließ, wenngleich die geistliche
Geschichtschreibung sich bemüht, Beweggründe und Tatsachen im Sinne
der kirchlichen Auffassung zu verschieben, und besonders in der Alemannenschlacht
ein Wunder geschehen läßt, das den bis dahin das Christentum angeblich
scharf ablehnenden Chlodwig plötzlich diesem geneigt gemacht habe. Die
Folgen des Übertrittes bestehen darin, daß die für die zukünftige
politische Entwicklung entscheidende Macht nicht arianisch, sondern katholisch
wird, denn wenn auch Chlodwig, soweit wir darüber unterrichtet sind,
keine Gewaltmaßnahmell zur Annahme des Christentums durchführte,
so war nun doch ein wertvoller Stützpunkt für die Ausbreitung des
katholischen Christentums gewonnen. Eine wesentliche Voraussetzung hierfür
war die schon berührte Ausgleichspolitik zwischen Germanen und Romanen,
durch die die Schranken zwischen den beiden Völkern immer mehr beseitigt
wurden, was schließlich zur Romanisierung des Westfrankentums führte.
Auch bei den Baiern und Alemannen, in Thüringen und im Elsaß kommt
es zur Annahme des katholischen Christentums, wobei die Herrschergeschlechter
den Anfang machen. Der Vorgang der Christianisierung wurde zum Teil dadurch
gefördert, daß er sich auf ehemaligem römischem Reichsboden
abspielte und durch alte Organisationsreste aus früherer Zeit unterstützt
wurde. Der eigentlichen Bekehrungstätigkeit durch die Mission, die bezeichnender
Weise gar nicht von Rom ausgeht, sondern ohne Zusammenhang mit dem Papste
von Iren betrieben wird, kommt zunächst nur eine ganz untergeordnete
Bedeutung zu. Daß auch sie mit Widerständen zu kämpfen hat,
zeigt die Hinrichtung Kilians bei Würzburg im 8.Jahrhundert; im übrigen
konnte die irische Mission nicht verhindern, daß der katholische Glaube
dem Verfalle preisgegeben war und durch Aufnahme verschiedener Elemente zu
einer Mischreligion wurde.
In dieser Lage setzte eine neue Bewegung ein, die für die zukünftige
Entwicklung höchste Bedeutung hatte und weder aus dem Lande selbst noch
unmittelbar aus Rom kam, sondern ihren Ausgang von England nahm.
Auch in England hatte das bei der vorgermanischen Bevölkerung aus der
Zeit der römischen Herrschaft noch andauernde Christentum seine ersten
Stützpunkte am Königshofe gefunden. Wie bei den Sueven und bei den
Franken beginnt die Christianisierung damit, daß der König eine
Katholikin zur Gattin nimmt. Ethelbrecht von Kent heiratete Bertha, die Tochter
des Königs Charibert von Paris, die einen Priester in ihre neue Heimat
mitbrachte und dort einen katholischen Gottesdienst einrichtete. So wurde
Kent der erste Stützpunkt für die von Gregor ausgehende und durch
Augustin betriebene Mission, die 596 einsetzte. Die Entwicklung ging verhältnismäßig
schnell vonstatten, 601 wird Ethelbrecht katholisch, und wenn es auch nach
seinem Tode zu schweren Rückschlägen kam, so gingen die so geschaffenen
Ansatzpunkte dennoch niemals mehr verloren. Zunächst griff das Christentum
nach Northumbrien über. Wieder steht am Beginne eine Heirat. König
Edwin heiratete 625 Ethelbrechts Tochter Ethelberga, und schon 627 trat er
zum Christentum über. Dieser Vorgang und seine Darstellung durch die
Geschichtsschreibung sind aus verschiedenen Gründen lehrreich. Ähnlich
wie Konstantin angeblich durch den siegreichen Ausgang einer Schlacht zum
Christentum geführt worden war und Chlodwig infolge eines in der Alemannenschlacht
abgelegten Gelübtes die Taufe genommen haben soll, soll auch Edwin seinen
Übertritt vom Ausgange des Kampfes gegen die Westsachsen abhängig
gemacht haben. Da auch sonst der Sieg des christlichen Heeres über seine
nichtchristlichen Feinde als göttliche Fügung hingestellt wird,
liegt hier offenkundig eine feste Tradition der legendären Geschichtsschreibung
vor, deren Wurzeln ebenso außerhalb der Wirklichkeit wie des germanischen
Bereiches liegen. Im übrigen soll der Beschluß zur Annahme des
Christentums in einer Versammlung gefaßt worden sein, von der Beda berichtet,
daß ihr außer dem Missionar Augustinus auch ein Oberpriester namens
Coifi beigewohnt habe, der gegen das für den Priester geltende Roß-
und Waffenverbot hoch zu Roß auf das bisher von ihm verwaltete Heiligtum
einen Speer abgeschleudert habe als Zeichen seiner freudig bekundeten Bereitwilligkeit,
Tempel und Altäre zu zerstören 8. Nun ist weder eine hierarchisch
gegliederte Priesterschaft noch ein Roß- und Waffenverbot germanisch,
der Name Coifi ebenfalls nicht, und am wenigsten die Gesinnung, die aus der
gesamten Schilderung des Geschehens spricht; in Bedas Bericht hat also eine
ganze Reihe von nichtgermanischen Zügen Aufnahme gefunden, und entspricht
er wenigstens in seinen Grundzügen den Tatsachen, dann ist er ein Beleg
dafür, daß die Kultur bereits stark von nichtgermanischen Zügen
durchsetzt war, was sich vor allem in der Gesamthaltung des Königs und
seiner Umgebung ausdrückte.
Freilich ist auch mit Edwins Übertritt die Sache des Christentums nicht
gewonnen, Keadwalla von Wales und besonders Penda von Mercien erwiesen sich
als gefährliche Feinde, und auch nach dem Siege Oswalds über Keadwalla
- Oswald soll übrigens vor der Schlacht gegen diesen ein hölzernes
Kreuz aufgerichtet haben, auch sein Sieg über seinen nichtchristlichen
Feind wird demnach als im Zeichen des Kreuzes errungen hingestellt - bedrohen
schwere Kämpfe die Vertreter des Christentums und damit dieses selbst
mit dem Untergange: 642 bedeutet Pendas Sieg über Oswald den Zusammenbruch
der Kirche im Norden. Als endlich diese Gefahr nach schweren Wechselfällen
gebannt ist, muß noch der Anspruch Roms gegen das schottisch-irische
Christentum durchgesetzt werden. 673 ist dieser Kampf zugunsten Roms entschieden,
was für den weiteren Verlauf der Bekehrung von entscheidender Bedeutung
war.
Vom Ausgange des 7. Jahrhunderts an sind nämlich Angelsachsen Träger
einer auf dem Festlande entfalteten Missionstätigkeit, die zum Unterschiede
von den früheren Versuchen im Einvernehmen mit dem Frankenherrscher Pippin
und mit dem Papste arbeitet. Als Wilibrord von 690 an unter fränkischem
Schutze versuchte, die Friesen zu bekehren, zeigte sich allerdings, daß
seine Erfolge nicht weiter reichten als die fränkische Macht; der Friesenkönig
Redbad lehnte das Christentum scharf ab, und die im Sinne der allgemeinen
christlichen Übung durchgeführte Schändung des Heiligtums auf
Fositesland kostete Wilibrord fast das Leben.
Als Gehilfe Wilibrords hatte Wynfrith seineTätigkeit begonnen. 719 holte
er Weisungen aus Rom ein, und 722 begann er, zum Bischofe geweiht und mit
dem Namen Bonifaz begabt, selbständig zu missionieren. Er suchte zunächst
Gebiete auf, wo ihm zum Unterschiede von Friesland staatlicher Schutz sicher
war. Er begann in Hessen und Thüringen und richtete 738 in Bayern die
kirchliche Organisation auf, und zwar auf Einladung des Herzogs Odilo, so
daß also auch über dieser Tätigkeit der staatliche Schutz
waltete. Die römische Kirche hat ihm vor allem die mit zäher Folgerichtigkeit
erreichte Durchführung ihrer Grundsätze zu danken, die dem Christentum
in Deutschland neue Grundlagen gab. Als er sich jedoch wieder nach Friesland
wagte, wo er nach den Worten seines Biographen fanatisch den heimischen Glauben
bekämpfte und "die Götzenbilder zerschmetterte" - eine
Übung, von der uns die Erzählung von der Fällung der Eiche
zu Geismar einen gewissen Begriff vermittelt - wurde er 754 erschlagen10.
Die Friesen setzten auch den erneuten Missionsbestrebungen Willehads und Liudgers
entschiedenen Widerstand entgegen, und beide mußten fliehen. Erst nach
der Einverleibung Frieslands in das Frankenreich konnte Liudger 786 zurückkehren
und infolge der nunmehr grundsätzlich geänderten Voraussetzungen
die Annahme des Christentums erreichen.
Bekannt ist der harte Kampf, in dem sich die Sachsen sowohl der politischen
Unterwerfung als auch der Einführung des Christentums widersetzten. Karls
durch zweiundreißig Jahre, von 772 bis 804, andauernder Krieg, der durch
den stets erneuten Widerstand der Sachsen immer wieder aufflammte, endete
schließlich mit der Durchsetzung seiner Ziele, wobei die Annahme des
Christentums durchaus äußerlich blieb. Die scharfen Bestimmungen
des Sachsengesetzes zeigen ebenso wie die kirchlichen Verbote, daß nur
äußerer Druck, nicht aber innere Überzeugung zu Annahme und
Beibehaltung des Christentums geführt hatte.
So wenig wie Friesen und Sachsen waren die skandinavischen Völker dem
Christentum zugänglich. Die ersten, von Deutschland ausgehenden Missionsversuche
blieben ergebnislos, und Wilibrord, der um 700 nach Dänemark reiste,
blieb der Erfolg ebenso versagt wie den späteren, von Ludwig dem Frommen
unterstützten Missionsversuchen, die 831 endeten. An dieser grundsätzlichen
Lage änderten auch spätere, bald wieder verloren gegangene kleine
Erfolge nichts, bis endlich der Sieg Heinrichs I. über Gnupa von Schleswig
von 934 einen völligen Umschwung herheiführte. Gunpa mußte
sich taufen lassen, überdies aber dulden, daß zwei Jahre später
der Hamburg-Bremer Erzbischof Unni seine Missionstätigkeit begann. Unni
beschränkte seine Tätigkeit nicht auf Schleswig, sondern begab sich
auch nach Jütland, wo er Harald Blauzahn, der damals noch nicht König
war, innerlich für das Christentum gewonnen haben soll. Als Harald später
zur Herrschaft kam, setzte er sich für den neuen Glauben ein, so daß
der Stein von Jaellinge verkündet, er habe die Dänen zu Christen
gemacht. Aber auch hier zeigte sich bald, daß der neue Glaube nicht
im Herzen des Volkes lebte, sondern als politische Angelegenheit den Schwankungen
der Politik unterlag. Als sich Svend Gabelbart gegen seinen Vater Harald wendete,
geriet das Christentum in große Schwierigkeiten, weil Svend sich dieser
Religion nicht angeschlossen hatte. Adam von Bremen spricht von "Störungen"
des Christentums und sagt ausdrücklich: "Plötzlich also machten
die Dänen eine Verschwörung, sagten dem Christentum ab, setzten
Svend zum König ein und sagten Harald Krieg an" (II, 27). So kamen
für das Christentum von 986 an schwere Zeiten, und wenn sich auch Svend
Gabelbart in seinen letzten Jahren selbst dem Christentum zuwendete, so traten
grundlegende Änderungen doch erst unter seinem Sohne Knud ein, der England
erobert batte und an der Spitze der englischen Kirche stand. Nach englischem
Vorbilde reformierte er auch die dänische Kirche und setzte in Dänemark
zum begreiflichen Mißfallen des Hamburger Erzbischofes Unwan aus England
stammende Bischöfe ein. Hamburg errang dann später doch noch das
Übergewicht, bis zu Beginn des 12. Jahrhunderts in Lund ein Erzbistum
für den gesamten Norden begründet wurde und die kirchliche Organisation
beendet werden konnte.
Stand die Christianisierung Dänemarks von ihren Anfängen an in engem
Zusammenhange mit der Reichspolitik und dem Hamburg-Bremer Missionszentrum,
so trat bei der Bekehrung Norwegens die Bedeutung Englands in den Vordergrund.
Im Laufe der Wikingerzüge war es zu zahlreichen Berührungen der
Norweger mit diesem Lande gekommen, die nach England, Schottland, Irland und
den Inselgruppen führenden Wikingerzüge hatten besonders im 10.
Jahrhundert zahlreiche Mischheiraten zwischen norwegischen und irischen Geschlechtern
zur Folge, und der in England am Hofe Aethelstans erzogene Hakon, Harald Haarschöns
Sohn, der dort als Kind die Taufe empfangen hatte und 933 die Herrschaft in
Norwegen übernahm, versuchte nach einer Reihe von Jahren, in denen er
sich im Lande den nötigen Anhang gesichert hatte, dem Christentum zum
Sieg zu verhelfen. Dieses Unternehmen scheiterte am entschlossenen Widerstande
der Bauern, die ihm mit Absetzung drohten, und das einmal gescheiterte Unternehmen
wurde nie mehr wiederholt, ja es scheint, daß die Haltung des Volkes
ihren Eindruck auf Hakon nicht verfehlt hat. Er hatte in seinem Gefolge Anhänger
der heimischen Weltanschauung wie den Skalden Eyvind, und als er nach der
siegreichen Schlacht von Fitje seinen Wunden erlag, gestattete er ausdrücklich,
man möge ihn nach der althergebrachten Sitte beerdigen, wie er sich überhaupt
seinen letzten Worten nach der Tatsache bewußt war, daß er kein
christliches Leben im Sinne der Kirche geführt hatte. Diese Haltung ist
die Grundlage für Eyvinds vielbesprochenes Preislied auf den toten König,
nach dem dieser als siegreicher Held zu Odin nach Walhall eingeht.
Hakons Nachfolger, die Söhne Erichs und der Gunnhild, waren schon früh
in England getauft worden. Als ihr Vater Erich Norwegen hatte verlassen müssen,
bot ihm Aethelstan die Herrschaft über Northumberland an unter der Bedingung,
daß er sich mit Weib und Kind, aber auch mit dem gesamten Heere, das
ihm aus der Heimat gefolgt war, taufen lasse, und diese Bedingung nahm Erich
an - auch das ein Beispiel für die ausschließlich politischen Beweggründe
des Glaubenswechsels. Als die Gunnhildsöhne die Herrschaft in Norwegen
antraten, vermochten sie nicht, das Christentum auszubreiten und mußten
sich damit begnügen, Heiligtümer zu vernichten und Festesfeiern
des Volkes zu stören; der einzige Erfolg dieser Handlungsweise war, daß
sie sich große Feindschaft zuzogen.
Die Lage änderte sich erst, als Olaf Tryggvason 995 König in Norwegen
wurde. Er selbst war auf den Scillyinseln Christ geworden, und Snorri erzählt,
deutlich legendäre Züge einfügend, ein Wahrsager habe Olaf
seine künftige Rolle als Bekehrer vorausgesagt. Wie ernst es Olaf damit
war, zeigt sein seinen engsten Vertrauten kundgetaner Entschluß, das
Christentum überall in Norwegen durchzusetzen oder zu sterben. Wirklich
beginnt er unverzüglich sein Werk. Mit großem Machtaufgebot zieht
er von Landschaft zu Landschaft und zwingt die Bauern, die ihm infolge dieses
Vorgehens im entscheidenden Augenblick stets weit unterlegen sind, durch scharfe
Drohungen zur Annahme des Christentums. Diese Vorgänge sind ein deutliches
Beispiel dafür, daß die Taufe ausschließlich durch die rücksichtslos
eingesetzte staatliche Macht erzwungen wird.
So wie in Norwegen wurde das Christentum auch auf den Faröern und den
Orkaden, auf den Shetlandinseln und auf den Hebriden durchgesetzt, und auch
die Annahme des Christentums auf Island durch den Alldingsbeschluß des
Jahres 1000 ist das Werk Olaf Tryggvasons.
Auf Island bestand von vornherein eine andere Lage als im Mutterlande. Als
die Landnahme von Norwegen her begann, ausgelöst durch das Vorgehen Harald
Haarschöns, verscheuchte der nunmehr einsetzende Zustrom von Menschen
die bisherigen Bewohner, die dort vor allem die Einsamkeit gesucht hatten,
nämlich irische Anachoreten. Immerhin scheint ein gewisses irisches Element
auf Island zurückgeblieben zu sein, wenngleich sich nicht mit Sicherheit
feststellen läßt, woher die irischen Einsprenglinge in Menschentum
und Kultur des Landes stammen. Die Landnahmemänner kamen überdies
nicht nur aus Norwegen, sondern zum Teile auch aus England, und zwar als Christen,
wie die berühmte Unn, die sich besondere Achtung erworben hat. Dieses
völlig auf sich gestellte Christentum starb nach und nach nahezu aus,
auch die Nachkommen der Unn gaben es auf, und so blieb wenig mehr als die
Erinnerung daran übrig. Diese an sich bedeutungslosen Reste gewannen
an Gewicht, als die Mission nach Island gebracht wurde. Hinter diesen Bekehrungsversuchen
stand Olaf Tryggvason, der das ganze Gewicht seiner Persönlichkeit dafür
einsetzte, junge Isländer von guter Herkunft, die im Sinne der ständig
gepflegten Sitte Norwegen besuchten, für die neue Religion zu gewinnen,
aber auch Missionare auf die Insel sandte, wo sie zwar Erfolge erzielen konnten,
aber keine Änderung der Gesamthaltung zu bewirken vermochten, so daß
sie ihr eigentliches Ziel, die Verchristlichung des Staates, nicht erreichten.
Ihr Verhalten erregte argen Anstoß, und ein Priester namens Dankbrand
mußte wegen Totschlägen sogar geächtet werden. Als Olaf Tryggvason
die Fruchtlosigkeit seiner Bemühungen erkannte, ließ er die jungen
Isländer, deren er in Norwegen habhaft werden konnte, festnehmen und
drohte, sie töten zu lassen. Da legten sich zwei christliche Isländer
ins Mittel: sie versprachen, eine Änderung im Verhalten der Isländer
herbeizuführen, und als sie auf Island angekommen waren und die gesamte
Frage auf dem Allding zur Sprache brachten, erkannte man die Unhaltbarkeit
der eigenen Lage. Der Gesetzessprecher, dem man die Entscheidung überlassen
hatte und dessen Überlegungen durch Bestechung im christlichen Sinne
beeinflußt worden waren, entschied für die Annahme des Christentums.
Innere, weltanschauliche Gründe lagen demnach der Annahme des Christentums
weder in Island noch im Mutterlande zugrunde, und gerade das Beispiel der
Insel zeigt, daß das Christentum einzelner für die Haltung der
Gesamtheit belanglos blieb. Daß Norwegen nur äußerlich christlich
war - so mancher Norweger hatte das Christentum auch weiterhin abgelehnt,
und selbst grausamste Folterung, die wiederholt berichtet wird, vermochte
den Übertritt nicht herbeizuführen - , zeigt sich auch daran, daß
nach Olaf Tryggvasons Tode Olaf der Heilige wieder mit den schärfsten
Mitteln vorgehen mußte, um das Christentum in seinem Lande zu sichern.
Bekehrungsversuche in Schweden, die in der ersten Hälfte des neunten
Jahrhunderts einsetzten und teils von Deutschland, teils von Dänemark
aus gemacht wurden, versagten zunächst. Olaf Trvggvason veranlaßte,
daß sich Rögnvald von Gautland taufen ließ, und auch Olaf
Schoßkönig trat zum Christentum über. Vom Missionszentrum
in Hamburg aus wurde in den Jahren 1043 - 1071 die Bekehrung Gautlands betrieben,
aber die schwedischen Kernlande blieben vom Christentum frei, selbst in Gautland
gerät der neue Glaube ins Wanken, wenn einmal der christliche König
an Macht einbüßt, und noch im 12. Jahrhundert unternimmt Sigurd
Jorsalafar einen Kriegszug nach Schweden mit der Begründung, das Volk
dort müsse christlich gemacht werden, weil es samt seinen Königen,
von denen ausdrücklich Blot-Sveinn und Eirikr in arsaeli genannt werden,
vom Christentum nichts wissen wolle.
Dieser gedrängte Überblick läßt zunächst mit Sicherheit
erkennen, daß an keiner Stelle und zu keiner Zeit das Christentum als
Volksbewegung den Staat erobert hat, sondern daß es überall im
Einvernehmen mit der staatlichen Macht zur Herrschaft kam, wofern es nicht
dem gesamten Staate von außen her aufgezwungen wurde. Die Schwierigkeiten
für die Durchsetzung des Christentums waren allerdings sehr verschieden.
Es haben sich Fälle gezeigt, in denen der Taufe des Königs und seiner
Familie die einer großen Zahl von Volksangehörigen folgte. Darunter
gibt es allerdings Erscheinungen besonderer Art, wie etwa die Taufe des Erich
Blutaxt und seines Heeres,
dessen wurzellos gewordene Angehörige weltanschaulich ziemlien gleichgültig
gewesen sein mögen, so daß es ihnen nur darum ging, Nutznießer
der durch die Taufe zu gewinnenden Machtstellung des Königs zu werden.
Sehen wir von solchen durch besondere Umstände gekennzeichneten Sondererscheinungen
ab, so läßt sich schon aus der Beobachtung der äußeren
Vorgänge bei der Bekehrung ein Urteil über die für sie gewöhnlich
angeführten Gründe gewinnen. Man hat als solche - und das ist die
folgenschwerste Behauptung, weil sie die Annahme des Christentums als eine
innere Notwendigkeit hinstellt - inneren Verfall der germanischen Weltanschauung
als tiefsten Grund angegeben. An Bedeutung kommt dieser Begründung die
Erklärung nahe, das Christentum habe infolge seiner höheren Art
seine Überlegenheit bewährt und den Sieg errungen. Man hat auch
behauptet, es wäre den Germanen nicht so sehr darauf angekommen, Christen
zu werden, denn es wäre nur darum gegangen, ob man den einheimischen
"Göttern" oder Christus sein Vertrauen schenken solle; und
da nun bei verschiedenen Gelegenheiten Christus seine höhere Kraft bewährt,
die "Heidengötter" aber sich ohnmächtig gezeigt hätten,
so sei man von selbst zum Glauben an Christus gekommen. Daneben wird auch
auf die Rolle und Bedeutung des Königtums verwiesen. Den Königen
sei das Volk selbstverständlich beim Glaubenswechsel nachgefolgt, und
die Bedeutung der Gewaltanwendung wird dabei gewöhnlich sehr gering angeschlagen.
Mit den tatsächlichen Vorgängen sind allerdings alle diese Erklärungen
und Begründungen unvereinbar. Träfe die Behauptung vom inneren Verfall
der germanischen Weltanschauung im Sinne eines eigengesetzlichen Vorganges
zu, dann müßte diese Erscheinung überall in der germanischen
Welt sichtbar geworden sein. Davon ist aber keine Rede. Die Tatsachen sagen
im Gegensatze zu derartigen Behauptungen vielmehr aus, daß überall
dort, wo ein Volk in seinen alten Lebensordnungen verharrt, das Christentum
freiwillig nicht angenommen wird, daß es dort lange und erbittert um
die Herrschaft ringen muß, und daß gerade das die Fälle der
Gewaltanwendung sind. Es ist ein völlig schiefes Verfahren, ohne Rücksicht
auf Voraussetzungen solcher Art einfach abzuzählen, in wievielen Fällen
Gewalt angewendet werden mußte, und wo eine solche Gewaltanwendung nicht
überliefert ist, um dann aus dem Verhältnisse der Zahlen seine Schlüsse
über die Bereitwilligkeit des Gesamtgermanentums zur Annahme des Christentums
zu ziehen. Wäre der Verfall der germanischen Weltanschauung in ihr selbst
begründet gewesen, hätte sie den Keim des Unterganges in sich selbst
getragen, so hätte das unterschiedslos überall geschehen müssen.
Das ist aber, wie die geschichtlichen Abläufe unwiderlegbar zeigen, keineswegs
der Fall gewesen.
Dasselbe gilt für die Behauptung von der aus höherer Artung sich
ergebenden inneren Überlegenheit des Christentums. Sie würde eine
gesonderte Untersuchung erfordern, die in diesem Rahmen nicht möglich
ist. Auch eine solche Überlegenheit hätte sich aber überall
in der germanischen Welt durchsetzen müssen. Die der beweiskräftigen
Begründung ohnedies entbehrende Behauptung, die überdies mit den
volkhaften Bindungen der Weltanschauung nicht rechnet und die einzelnen Religionen
losgelöst von ihren Beziehungen zum Volkstum, aus dem sie erwachsen sind,
absolut setzt, wird also durch die fast durchwegs feststellbare Tatsache widerlegt,
daß das Christentum nicht aus inneren, sondern aus äußeren
Gründen der verschiedensten Art angenommen wurde.
Die Behauptung schließlich, man habe sich Christus zugewendet, weil
er seine höhere Kraft bewiesen habe, und man habe sich nun in Verfolgung
einer alten germanischen Auffassung zu ihm bekannt, weil es bei den Germanen
ohnehin üblich gewesen sei, sich dem Gotte anzuvertrauen, der die größere
Macht gezeigt habe, ist ebenso schief. Auch ihr steht schon entgegen, daß
eine solche gemeingermanische Auffassung allgemeine Wirkung gehabt haben müßte,
was nicht der Fall ist. Wenn unsere Quellen wiederholt davon berichten, der
Sieg in der Schlacht sei als Machtbeweis Christi und als Ohnmachtszeichen
der alten Götter aufgefaßt worden,
so steht der Glaubwürdigkeit dieser Angaben entgegen, daß sie ausschließlich
von christlicher Seite und ausschließlich in solchen Fällen gemacht
werden, wenn auf der einen Seite Christen - oder ein Heerführer, der
Christi Hilfe angerufen hat - auf der anderen Nichtchristen stehen, während
innergermanische Zeugnisse über solche Machtproben völlig fehlen.
Wir haben es hier mit zwei Gruppen von Berichten zu tun. In der einen gilt
der christliche Heerführer als der Streiter Gottes - eine Auffassung,
die im Ludwigsliede voll zur Geltung kommt. Auf der einen Seite steht der
von Jugend auf unter Gottes besonderem Schutze stehende König, den dieser
selbst dadurch auf seine Fähigkeiten prüft, daß er "heidine
man/ober sêo lîdan" läßt, und den er dann auffordert:
"Hilph mînan liutin!" Der christliche König ist hier
ganz der Gottesstreiter gegen die Ungläubigen im Sinne des Alten Testaments,
und die völlig ungermanischen Hintergründe solcher Auffassungen
liegen klar zutage. Nach der anderen Gruppe von Berichten siegt der Nichtchrist
darum über den ebenfalls nichtchristlichen Gegner, weil er in höchster
Not die Hilfe des Christengottes angerufen hat, der nun der schon zugunsten
des Gegners entschiedenen Schlacht plötzlich eine andere Wendung gibt,
seine Macht also durch ein Wunder bewährt.
Das Schulbeispiel für diese Art von "historischer" Berichterstattung
ist Gregors Erzählung von der Alemannenschlacht Chlodwigs, der ebenso
wie Edwin den Sieg über seine Feinde als Voraussetzung für die Annahme
des Christentums erklärt hat. Auch Oswald, selbst schon Christ, siegt
über seine nichtchristlichen Feinde im Zeichen des Kreuzes, und wenn
Gregor Chlodwig einen "neuen Konstantin" nennt, womit er auf Konstantins
Sieg unter dem Kreuze anspielt - auch in diesem Falle standen Nichtchristen
gegen Nichtchristen - , so liegt die Vermutung nahe, daß hier ein bestimmtes
Schema immer wieder angewendet wurde. Daß im übrigen keine Rede
davon sein kann, daß die Germanen den Sieg der Christen als Zeichen
der höherer Macht des Christengottes aufgefaßt und darum in der
Überzeugung, ihre eigenen Götter seien machtlos, sich diesem zugewendet
hätten, ist aus dem Beispiele der Sachsenbekehrung ohne weiteres herauszulesen.
Wiederholte Siege der christlichen Franken über die Sachsen von größter
Bedeutung haben nicht vermocht, daß diese freiwillig das Christentum
anzunehmen bereit waren; erst die durch den Sieg errungene Macht gibt die
Möglichkeit, die Bekehrung mit Gewalt durchzuführen, deren es wahrhaftig
nicht bedurft hätte, wenn den Germanen wirklich der Glaube an einen Machtkampf
der Götter eigen gewesen wäre.
Die christliche Berichterstattung über die plötzliche Wendung des
Schlachtenglückes nach Anrufung des Christengottes steht indes deutlich
im Zeichen des Wunderglaubens, und sie ist damit nur ein Sonderfall in dem
größeren Rahmen des Strebens, den Übergang zum Christentum
als die Folge eines göttlichen Wunders darzustellen. Auch hier liegt
ein an den vierschiedensten Punkten verwendetes, mit verschiedenen Inhalten
gefülltes Schema vor. Die Eiche zu Geismar fällt, offenbar durch
göttliches Wunder, nach wenigen Streichen und zerfällt in vier gleiche
Teile; aus dem von Kolbein im Auftrage König Olafs des Heiligen zerschlagenen
Thorsbilde kommt, der teuflischen Herkunft des Bildes gemäß, das
aus Mäusen und Schlangen bestehende Getier des Teufels hervor; beim Kampfe
gegen das vom Teufel besessene Freybild verhilft die Anrufung Gottes und das
Gelöbnis, sich taufen zu lassen, Gunnar Helming zum Siege, und Bischof
Poppo trägt mit dem Erfolge das glühende Eisen, daß diesem
Machtbeweise des Christengottes die Bekehrung des Dänenkönigs Harald
folgt (Adam v. Bremen, Scol. 20). Ein Wunder ist es offensichtlich auch, daß
in der Schlacht bei Löwen 100000 Heiden fallen, während die Christen
kaum Verluste haben (Adam v. Bremen I, 47, siehe Fußnote 7 ), und wie
im Kampfe der Heere hilft das Gelöbnis, Christ zu werden, auch beim Einzelkampfe.
Havard und Thorbjörn kämpfen auf Leben und Tod miteinander auf einer
Schäre draußen im Meere. Thorbjörn hat einen mächtigen
Felsblock emporgerissen und will damit den Kopf seines Feindes zerschmettern.
Da tut Havard das Gelübde, wenn er jetzt über Thorbjörn siege,
so wolle er das Christentum annehmen. Er dringt gegen seinen Gegner vor, und
als dieser ihn mit dem Steine treffen will, rutscht er auf dem glatten Felsen
aus, fällt hintenüber, und der eigene Stein trifft ihn so, daß
er bewußtlos wird (Thule VIII, 163 f.).
Ein Wunder ist es offensichtlich auch, daß der erste der Bauern, der
beim Ding zu Stavanger Olaf Tryggvason widersprechen will, von Husten und
Atemnot befallen wird, der zweite unverständlich zu stottern beginnt,
und der dritte so heiser und rauh spricht, daß man nicht weiß,
was er sagt (Olafs Saga Tryggv. c. 55).
Diese Beispiele sind verschiedenen Quellen entnommen und zeigen, daß
es allgemeine Übung der christlichen Geschichtsschreibung und Literatur
ist, die Bekehrung zum Christentum als Ausfluß eines göttlichen
Wunders hinzustellen. Diese Tendenz verdient bei der Beurteilung der Glaubwürdigkeit
unserer Quellen eine weit größere als die ihr gemeinhin geschenkte
Beachtung. Denn in Wahrheit geht alles das, was man als Ausfluß eines
angeblichen Glaubens an die höhere Macht des Christengottes und an die
Ohnmacht der Heidengötter anführt, nicht auf germanische Haltung,
sondern auf tendenziöse christliche Berichterstattung zurück.
Die Rolle des Königtums bei der Bekehrung ist nicht mit wenigen Worten
darzustellen. Gewiß kann nicht davon gesprochen werden, dem Könige
sei sein Volk beim Übertritte einfach nachgefolgt. Die oben gegebene
Darstellung des Verlaufes der Bekehrung zeigt zur Genüge, welchen Wahrheitskern
derartige allgemeine Behauptungen haben. Auch hier gilt der schon oben ausgesprochene
Satz, daß die Bekehrung dort nicht ohne Gewalt durchgesetzt werden kann,
wo noch die alte Lebensordnung aufrecht ist. Dort nützt die Bekehrung
des Königshauses gar nichts, wie das Beispiel Hakons des Guten, der Gunnhildsöhne,
Olaf Tryggvasons und Olafs des Heiligen ebenso wie das der Schwedenkönige
zeigt. Auch dort, wo es einem christlichen Könige gelungen ist, dem Christentum
eine gewisse Geltung zu verschaffen, steht und fällt dieses mit der Person
des Königs. Auch dafür wurden oben, besonders aus der Bekehrungsgeschichte
Englands und Schwedens, eine ganze Reihe von Beispielen beigebracht, und für
Dänemark und seinen Herrschaftsbereich gilt dasselbe. Deutsche und nordische
Quellen berichten das übereinstimmend über das Schicksal des Christentums
im Zuge der Auseinandersetzung Harald Blauzahns mit Svend Gabelbart, und dem
oben schon ausgehobenen Zeugnisse Adams sei hier auch Snorris Bericht über
diese Vorgänge zur Seite gestellt. Snorri sagt wahrheitsgemäß,
daß Harald die Annahme des Christentums nur durch Gewaltanwendung und
harte Strafen erreicht hatte, und das war ihm auch in seinem norwegischen
Herrschaftsbereiche gelungen. In Vik hatten seine Bekehrungsversuche genau
so lange Erfolg, als seine Herrschaft währte. Nach seinem Tode aber war
es mit dem Christentum in Vik sofort zu Ende (Olafs Saga Tryggvasonar c. 53).
Auch nach dem Tode Olaf Tryggvasons erleidet das Christentum arge Rückschläge,
so daß Olaf der Heilige schwere Mühe hat, dessen ins Wanken geratene
Herrschaft wieder aufzurichten. In England, Norwegen und Schweden ergibt sich
so das gleiche Bild der unmittelbaren Bindung des Christentums an das Königtum.
Daß es sich dabei aber um keine freiwillige Nachfolge, sondern um das
Ergebnis eines wohl mit verschiedenen Mitteln ausgeübten Druckes, und
auf gar keinen Fall um eine Bekehrung aus innerer Überzeugung handelte,
folgt ohne weiteres daraus, daß offenbar nur die für das Christentum
eingesetzte Königsmacht es aufrechterhalten kann, und daß es zusammenbricht,
sobald dieser Einsatz sein Ende findet.Es kann also auch nicht davon gesproden
werden, daß das Beispiel des Königtums den Übertritt zum Christentum
ganz allgemein herbeigeführt habe.Der Tatsache, daß überall
dort dem Christentum entschiedener Widerstand geleistet wird, wo die alte
germanische Lebensordnung aufrecht besteht, steht die zweite gegenüber,
daß das überall dort nicht im selben Maße geschieht, wo eine
mehr oder minder starke Erschütterung und Änderung dieser Grundlagen
erkennbar ist. Das Schulbeispiel für derartigeVerhältnisse sind
die Franken, aber es wurde schon darauf verwiesen, daß auch für
die Goten mit einer weitgehenden Umgestaltung wichtiger Grundsätze und
Lebensgrundlagen zu rechnen ist. In diesen Fällen ging zwar die Bekehrung
ebenfalls nicht vom Volke, sondern wie auch sonst überall von der staatlichen
Führung aus, aber nun ist im Gegensatze zu sonstigen Verhältnissen
von einem Widerstande des Volkes nichts zu spüren.
Das sind Tatsachen,
die uns auf die wahren Gründe für Annahme und Beibehaltung des Christentums
führen. Allerdings sind gerade die Völker, die solcherart ihre angeborene
Wesensgrundlage verlassen hatten, früher oder später der Vernichtung
anheim gefallen, zum mindesten aber, wie die Westfranken, dem Verluste des
eigenen und dem Übergange in ein anders bestimmtes Volkstum.
Aus diesen Tatsachen ergibt sich, daß es sich beim Glaubenswechsel um
ganz wesentlich mehr als nur darum gehandelt hat, ob man diesem oder jenem
Gotte sein Vertrauen schenken wolle, eine ebenfalls im Zusammenlange mit der
Bekehrung aufgestellte Behauptung, die einer Überprufung nicht standhält.
Nicht umsonst wird das Christentum als "neue Sitte" bezeichnet,
und wir werden in der Tat der gesamten Erscheinung in ihrer Bedeutung nur
dann gerecht, wenn wir das Gebiet der Religion zusammen mit Rechts- und Gesellschaftsordnung
und der gesamten Ethik als Ausfluß einer einheitlichen weltanschaulichen
Haltung erkennen. Dasselbe gilt aber für das Christentum, das sich keineswegs
damit begnügt, nur einen einzigen Bezirk des menschlichen Lebens zu beanspruchen,
sondern die unumschränkte Herrschaft über alle Bereiche fordert.
So stehen nicht zwei Einzelerscheinungen einander gegenüber, sondern
zwei Lebensordnungen auf weltanschaulicher Grundlage. Es ist aber bezeichnend,
daß überall dort, wo eine Erschütterung der germanischen Haltung
erkennbar ist, der Beginn niemals auf religiösem oder ethischem, sondern
stets auf rechtlichem und gesellschaftlichem Gebiet liegt, wo vor allem die
auf fremde Vorbilder zurückgehende Änderung in Wesen und Stellung
des Königtums und dessen damit zusammenhängender Machthunger von
größter Tragweite sind.Die auf diese Weise begonnene Auflockerung
wurde durch das Christentum entscheidend dadurch gefördert, daß
es, einmal angenommen, in der Lage war, seine Auffassung auch auf bisher unberührten
Gebieten an der Stelle der althergebrachten durchzusetzen. Diese Vorgänge
beschränkten sich aber nicht auf die germanischen Völker, die dem
neuen Glauben mehr oder minder freiwillig bei sich Eingang gewährt hatten.
Sie setzten vielmehr auch dort ein, wo das Christentum nur mit Gewalt oder
doch wenigstens durch den ständigen Druck der in ihrer Bedeutung stark
gestiegenen königlichen Macht sich hatte durchsetzen können. Zum
Unterschiede von jenen Fällen der bereits vorchristlichen Auflockerung
des germanischen Lebensgefühles geht hier diese Auflockerung vom Christentum
selbst aus, und das ist zu beachten, wenn man von der Wirkung, von den Folgen
der Bekehrung spricht. Denn die Vertreter der Kirche beschränken sich
keineswegs auf die "Dämonisierung" der einheimischen Gestalten,
wie sie aus der amtlichen kirchlichen Stellungnahme ebenso wie aus dem gesamten
kirchlich beeinflußten Schrifttum spricht. Der germanistischen Auffassung
von Sippe und Gefolgschaft und von den daraus sich ergebenden Bindungen, vom
Verhältnisse des Einzelnen zur Gemeinschaft von Stamm und Volk setzt
das Christentum eine völlig andere Wertung, eine von Grund auf andere
Rangordnung entgegen durch die dem Germanentum durchaus fremde Hinordnung
des gesamten Lebens auf eine göttliche Spitze und deren irdische Vertretung,
die nun an die einst von der Gemeinschaft des Volkes innegehabte Stelle tritt,
und durch eine anders geartete Ethik, was alles in den orientalischen Wurzeln
des neuen Glaubens begründet ist. Überall werden die an erster Stelle
stehenden Beziehungen zum mindesten zweitrangig, ob nun zwischen den Gefolgen
und seinem Führer die vom Papste beanspruchte Binde- und Lösegewalt
tritt, durch die nun von dritter Seite her das bisher unmittelbare Treueverhältnis
begründet oder aufgelöst wird, oder ob vor die sippenmäßigen
Bindungen das Wort tritt "Du sollst Vater und Mutter verlassen und mir
nachfolgen". Das germanische Erbrecht, auf das engste verbunden mit der
Stellung der Sippe und ihrer Wertung, verfällt unter kirchlichem Einflusse
der Auflösung, und der germanischen Auffassung vom Zwecke der Ehe zur
Zeugung des "echten Erben" tritt der kirchliche Anspruch auf Askese
unter allen Umständen, selbst in der Ehe, entgegen; Gregor von Tours
preist es als Zeugnis höchster sittlicher Vollkommenheit, daß zwei
Eheleute ein langes Leben miteinander verbringen, ohne die eheliche Gemeinschaft
einzugehen, und er läßt den Ehemann sich rühmen, daß
er die Gattin Gott, von dem er sie empfangen, bei ihrem Tode als Jungfrau
zurückgebe.
Fügen wir diesen wenigen Andeutungen noch hinzu, daß auch die gesamte
Geisteskultur durch die anders geartete weltanschauliche Grundlage des Christentums
entscheidend beeinflußt worden ist, daß nunmehr der Tote zum armen
Sünder wird, daß die Geburt unter das Zeichen der Erbsünde
gestellt wird, und daß das alles nun auch die volkstümliche Überlieferung,
vor allem die Volkssage, aber selbst die späteren Gestaltungen der Heldensage
weitgehend beeinflußt 13, so ist damit noch auf eine weitere Wirkung
der Annahme des Christentums wenigstens verwiesen.Nur wer sich klarmacht,
welchen Verlauf die Annahme des Christentums bei den germanischen Völkern
genommen hat, welche Ursachen sich für sie erkennen lassen, und welche
Wirkungen von ihr ausgehen, ist im Besitze wichtigster Grudlagen, die zwar
noch nicht für sich allein ausreichen, eine Entscheidung über die
heute auf dem religiösen Gebiete uns gestellten Fragen zu ermöglichen,
ohne die aber ganz gewiß eine solche Entscheidung nicht gefällt
werden kann. Das müßte ein Ansporn dazu sein, die Bekehrungsgeschichte
der Germanen auf neue Grundlagen zu stellen, für die eine neue Wertung
der Quellen, die sich aus der Eigenart und aus den geistig-seelischen Voraussetzungen
ihrer Urheber ergibt, und ebenso eine neue Wertung der so festgestellten Tatsachen
unumgängliche Voraussetzungen sind. Schon jetzt aber steht fest, daß
an keiner Stelle eine Volksbewegung ohne Hilfe der staatlichen Macht oder
gar gegen sie das Christentum zum Siege geführt hat, und daß an
keiner Stelle eine innere Notwendigkeit den Glaubenswechsel hervorgerufen
hat. Es ist weiter wesentlich auch für unsere eigene Entscheidung, daß
die vorchristliche, aus den Kräften des eigenen Blutes stammende Weltanschauung
an keiner Stelle an sich selbst zugrunde gegangen ist, weil sie aus sich heraus
nicht mehr lebensfähig gewesen wäre. Auch darüber müssen
wir uns klar sein, wenn wir entscheiden wollen, ob und in welchem Maße
eine Anknüpfung an die eigene Überlieferung möglich und wünschenswert
ist.
Dr. Edmund Mudrak Anmerkung:
1. Hierzu sei auf meine Aufsätze "Die Einführung des Christentums
bei den Germanen und das germanische Königtum", Sigrune/Nordische
Stimmen, Jg. 10/12, März 1943, S. 2 ff. und "Waren die Germanen
christianisierungsreif?", Zs. "Deutsche Volkskunde", 1943,
4. Vierteljahrsheft, verwiesen.
2. Die Quellenstelle bei Philostorgios, die hier in Übersetzung (nach
R. Plate, Geschichte der gotischen Literatur S. 36) mitgeteilt sei, lautet:
"Unter der Herrschaft des Valerian und Gallien fiel eine große
Schar der jenseits des Ister wohnenden Skythen in das Gebiet der Römer
ein, durchzog einen großen Teil Europas, kam übersetzend selbst
nach Asien, Galatien und Kappadokien, machte viele Gefangene, worunter sich
auch einige Kleriker befanden, und kehrte mit großer Beute heim. Das
gefangene gläubige Volk bekehrte nicht wenige aus dem Heidentum durch
ihren Umgang mit den Barbaren. Zu dieser Gefangenschaft gehörten auch
die Vorfahren des Urphiras, Kappadokier von Geschlecht, aus der Nähe
der Stadt Parnassos, aus einer Ortschaft genannt Sadagolthina." Diese
Stelle spricht ganz allgemein von den Vorfahren des Wulfila, ohne Beschränkung
auf die Abstammung von Vater- und Mutterseite.
3. Kirchengeschichte IV, 33. Übersetzung nach Capelle, Das alte Germanien,
S. 351.
4. L. Schmidt, Geschichte der deutschen Stämme bis zum Ausgang der Völkerwanderung,
Die Ostgermanen, S. 621
5. L. Schmidt, ebenda, Die Westgermanen I, S. 217 f.
6. Zur Kritik der Darstellung des Vorganges durch Gregor v. Tours siehe meinen
unter I angeführten Aufsatz über die Christianisierungsreife der
Germanen
7. Adam v Bremen I, 47: "Der Krieg wurde durch himmlische Fügung
entschieden. Denn während 100000 Heiden erschlagen wurden, ergab sich,
daß kaum einer von den Christen gefallen war." Geschichtsschr.
d. deutschen Vorzeit, Bd. 44, S. 46.
8. Beda II, 13. Ausgeboben bei Clemen, Fontes religionis historiae Germanicae,
S. 41.
9. Der Bericht darüber in Alcvins vita Wilibrordi ist abgedruckt bei
Clemen, Fontes historiae religionis Germanicae, S. 47. Übersetzung: Geschichtschreiber
der deutschen Vorzeit. Bd. 14, S. 149 (c. 10-21)
10. Der Bericht über das Vorgehen in Friesland sei in der Übersetzung
von Bühler, Das Frankenreich, S. 422, hier wiedergegeben: "Er (Bonifaz)
zog also durch ganz Friesland, verdrängte den heidnischen Kult, schafte
die irrtumsvollen heidnischen Gebräuche ab, predigte eindringlich und
erbaute nach Zerschmetterung der Götzenbilder mit großem Eifer
Kirchen."
11. Ein Schulbeispiel für diese Methoden ist die Bekehrungsgeschichte
Kjartans nach der Laxdaelasaga. Die Saga stellt den Vorgang so dar, daß
Kjartan lediglich aus ideellen Beweggründen, vor allem unter dem Eindrucke
von Olafs Persönlichkeit, das Christentum angenommen habe und aus denselben
Gründen ein treuer Gefolgsmann König Olafs geworden sei, den er
früher bis zum Tode gehaßt hätte. Aber gelegentlich wird deutlich,
daß es auch sehr reale Gründe für die Annahme des Christentums
gegehen hat, die dem Helden durchaus bewußt waren. Im Kap. 41 der Laxdaela
schmiedet Kjartan nach seiner Taufe Sommerpläne und erwägt eine
Fahrt nach England. Er begründet das damit, daß für christliche
Handelsleute dort vorzügliche Geschäftsmöglichkeiten bestünden.
Auf jeden Fall ist Kjartan bereit, sich die Vorteile seines Übertrittes
zunutze zu machen.
12. Olafs saga helga c. 113.
13. Auf die Bekehrungsfolgen verweist Bernhard Kummer in seinem Buche "Midgards
Untergang". Die Wirkungen auf die Volksüberlieferung sind für
bestimmte Einzelgebiete besprochen in meinen ,.Grundlagen des Hexenwahnes"
(Leipzig 1936) und in meinen Aufsätzen "Das wütende Heer und
der wilde Jäger" (Bausteine zur Geschichte, Völkerkunde und
Mythenkunde, Bd. VII, 1937) und "Wandlungen der Heldensage; Dietrich
von Bern in der Hölle" (1942, S. 9 ff.).